Project Description

Der Fahrtwind kitzelte meine Nase, ließ meine dunklen Locken wild durcheinander fliegen. Musik drang aus meinen Kopfhörern, während ich die frische Luft des Waldweges in mich einsog. Summend saß ich auf meinem Fahrrad und machte mich gut gelaunt auf den Weg zum Stall.

Ich holte Dami von der Wiese, der heute fast freiwillig mitkam, putze und sattelte ihn. Dami’s lange Mähne hatte ich elegant zu einem Bauernzopf zusammen geflochten.

„Ich mache mich jetzt auf den Weg. Wann bist du im Stall?“, fragte ich meine Mutter am Telefon. „In etwa 10 Minuten? Perfekt. Ich melde mich, wenn etwas ist.“

Ich nutzte die Aufstiegshilfe vor dem Stallgebäude, schwang mich auf’s Pferd und ritt in Richtung des großen Tores los. Dami schnauft leider immer sehr stark, wenn er aufgeregt ist, so legte er auch heute los. (*Ich habe das noch nie so stark bei einem anderen Pferd gehört, zu Beginn hatten wir sogar den Tierarzt da, da wir uns echte Sorgen um seine Atmung gemacht haben.) Mit der Zeit, hatte ich mich jedoch an diese Eigenart gewöhnt. Auch mein Herz schlug heute etwas schneller, denn wir begaben uns gerade auf unseren ersten gemeinsamen Ausritt.

„Der ist absolut Gelände sicher. Früher waren wir oft sogar alleine im Gelände!“, schallten die Worte durch meinen Kopf und entspannten mich. Dami hatte mir bisher noch nie das Gefühl von Unsicherheit vermittelt, solange ich auf ihm drauf saß.

Mutig schlug ich den ersten Waldweg ein, der uns zu einem schmalen Kanal führen sollte. In der Sonne am Wasser entlang reiten, bis heute ist das für mich pure Freude.
Dami war spürbar aufgeregt, dennoch regulierbar und vernünftig zu händeln. Ich war stolz auf mein Pferd!

20 Minuten genoss ich dieses Gefühl von Freiheit, Sicherheit und Vertrauen. Dann tauchte die Frau in weiß auf.

In ein weißes sommerliches Kleid gehüllt schlenderte sie am Kanal entlang. Sie trug einen großen, hellen Sonnenhut und genoss die Sonnenstrahlen dieses traumhaften Frühlingstages sichtlich. Aus einiger Entfernung hielt sie an, grüßte uns freundlich.

Was für eine nette Begegnung, dachte ich noch, bevor ich merkte, das Dami diese ganz anders wahr nahm. Er entschied sich dafür, dass die Frau in weiß definitiv keine guten Absichten mit uns haben würde. Vor lauter Aufregung begann er nicht nur noch hysterischer zu Atmen, sondern auch auf der Stelle zu piaffieren.

Die erste Piaffe* meines Lebens.

Im Grunde fühlte es sich eigentlich ziemlich gut an, wenn auch etwas spannungsgeladen. Besser als wegrennen und dem Fluchtinstinkt nachgehen war es auch, problematisch war nur, dass ich den „Aus-Knopf“ nicht gefunden habe. Bis zu diesem Zeitpunkt, war ich gerade einmal auf solidem E-Niveau unterwegs.

Verzweifelt rief ich meine Mutter an: „Holst du uns bitte ab?“.

Es dauerte nicht lang, bis meine Mutter bei uns ankam. Dami hatte sich die ganze Zeit über nicht mehr ein bekommen, obwohl die Frau in weiß längst weitergezogen war. Wir hatten Mühe und Not – ich von oben – Mama von unten – unseren Trakehner zu beruhigen und zum Stall zurück zu bringen.

Dort angekommen, fiel die Anspannung von uns allen ab und verwandelte sich in lautes Lachen. Wie verrückt ist dieser Kerl eigentlich, anstatt einem Fluchtinstinkt die Piaffe zu zeigen. Das Problem mit in weiß gekleideten Menschen, haben wir seitdem im Übrigen nie wieder gelöst bekommen. Wer uns einen Schrecken einjagen möchte, muss sich also einfach nur dementsprechend kleiden .

(* Die Piaffe ist eine der höchsten Lektionen eines Dressurpferdes.)


Langsam aber sicher speckte Dami etwas ab. Der Sattel begann zu passen (vorher war ich nur mit Westernpad unterwegs), die Hufe bekamen eine normale Form und auch die Zähne sahen wieder gepflegt aus.

Von nun an bekam ich wöchentlich exzellenten Reitunterricht bei renommierten Trainern, in welchen ich neben dem Reiten auch Handarbeit und Doppellonge erlernen konnte. Wir fuhren zu vielen Dressur-Lehrgängen. Zusätzlich durfte ich andere Pferde im Stall mitreiten und saß u.a. auch das erste Mal in meinem Leben auf einem S-Dressurpferd.

Eigentlich war alles perfekt und doch störte mich etwas an der Situation. Dami war zunehmend immer langsamer unter dem Sattel unterwegs. Er hielt an, wenn ihm etwas nicht passte, stellte sich stur. Ich musste eine Menge treiben, um ihn überhaupt vorwärts zu bewegen. Fix und fertig geschwitzt kamen wir aus jeder Reitstunde. Ich begann auf Anweisung aufzustocken: bessere Sporen, eine Gerte… und dann treiben, treiben, treiben! „Pass auf, dass du die Verbindung vorne nicht aufgibst. Setz den Sporen ein.“, hörte ich zu häufig.

Wirklich glücklich kam ich aus keiner einzigen Reitstunde heraus. Wir führten systematisch die Lektionen aus, stampften uns dabei aber immer mehr in den Boden, als nach vorne. Dami verlor an Ausdruck, ich verlor den Spaß. Dami wurde steifer, ich bekam starke Rückenschmerzen.

Eine Situation die mir aussichtslos erschien, denn wir hatten ja guten Unterricht und in den Augen der anderen schienen wir „voran zu kommen“. Viele fanden den Goldfuchs einfach nur fantastisch. Was sollte sich also ändern?


Eines Abends sattelte ich Dami erneut. Mama machte zeitgleich ihr Herzenspferd Milano in der Stallgasse neben uns fertig. Gemeinsam gingen wir in die Reithalle und stiegen auf. Mama und Mille hatten sich heute für eine gemütliche Runde an der Stallhalfter entschieden. Ich wollte meine Turnieraufgabe für nächstes Wochenende üben und ritt Dami dementsprechend in voller Montur.

„Kannst du mir die Aufgabe noch einmal lesen?“, fragte ich meine Mutter. „Na klar“, antworte sie und stieg von ihrem großen dunklen Wallach ab. Die beiden positionierten sich in der Reithalle und wir begannen mit der Aufgabe.

„A-X: Einreiten im Arbeitstrab. X – Halten Grüßen“, ertönten die ersten Worte und wir legten los. „Am langen Zügel die Reitbahn verlassen“, sagte meine Mutter zum Abschluss und schaute mich an: „Bist du zufrieden?“ „Nein, wir waren schon wieder so langsam“, entgegnete ich traurig. „Du musst dein Becken lockerer und die Zügel endlich mal los lassen Kind!“, sagte sie.

„Ich weiß aber nicht wie Mama!“, sagte ich wütend. Mit seiner Mutter als Teenager zu trainieren, war einfach keine gute Idee.

Dami und ich blieben vor ihr stehen. Milano stand neben meiner Mutter und schaute uns aufmerksam zu. Liebevoll wurde er bei uns immer der „Professor“ genannt.

Meine Mutter begann mit mir eine kurze Diskussion über den Ritt, da merkte ich, wie mir meine Gerte aus der Hand gezogen wurde. Milano machte sich daran zu schaffen, übte Druck aus mit seinem Maul und gewann die Gerte schließlich für sich. Ich ließ los, er hielt sie kurz, dann fiel sie auf den Boden.

„Siehst du“, sagte Mama, „hör auf den Professor und lass das olle Ding endlich weg!“

Angenervt saß ich auf der kühlen Tribüne, neben mir freudestrahlend meine Mutter. Die Reithalle, auf die wir blickten war groß, jedoch relativ dunkel. Die Tribüne war ausverkauft. „Das wir noch eine Karte bekommen haben, ist so toll“, freute sich meine Mutter neben mir.

Wir blickten auf eine ältere, zierliche, kleine Frau. Sie stand in der Mitte der Reitbahn und begann auf gebrochenem Englisch mit dem ersten Vorführpferd am Boden zu arbeiten. Sie nutzte ein Knotenhalfter und ein langes Seil, erklärte die Basis des Horsemanships und die Grundübungen.

„Was für eine Zeitverschwendung“, dachte ich. „Was soll mir die Omi denn in Bezug auf Dami weiterhelfen? Horsemanship kenne ich doch.“

Nach knapp 2 Stunden war endlich Mittagspause. Sie hatte in dieser Zeit ein Pferd verladen, ein Join up demonstriert und reichliches Basiswissen vermittelt. Meine Begeisterung hielt sich weiterhin in Grenzen.

Wir schlenderten über den kleinen Hof, holten uns etwas zu essen und schauten uns die kleinen Stände an, die vor der Reithalle aufgebaut waren.

Ein starrer, kreisrunder Ring weckte mein Interesse. „Ist das ein Lasso?“ witzelte ich. „Das ist ein klassischer Halsring“, entgegnete Mama „den nutzt man zum Reiten.“

„Einfach so? Na wenn die Omi das kann, kann das ja nicht so schwer sein. Kann ich das mal ausprobieren?“.

„Klar“, sagte meine Mutter schmunzelnd und wir kauften dieses starre Teil.


Der Nachmittag gestaltete sich deutlich spannender.

Wir lernten die Basisübungen des Halsringreitens sowie die wichtigsten Berührungs-, Stress- und Entspannungspunkte beim Pferd kennen. Ich hörte aufmerksam zu und begann mir Notizen zu machen.

Die „Omi“ wie sie mein Teenager-Sturkopf getauft hatte, war übrigens niemand anderes als Linda Tellington-Jones. Eine wahre (kanadische) Größe unter Pferdetrainern.

Wieder im heimischen Stall angekommen, holte ich Dami von der Wiese. Anstelle der Trense, zog ich direkt den neu erworbenen Halsring auf. „Willst du nicht zur Sicherheit ein Halfter drunter ziehen?“, fragte Mama. „Quatsch!“, entgegnete mein größenwahnsinniger Teenie-Kopf.

In der Halle angekommen, stieg ich auf. Die ersten Schritte lief Dami sehr vorsichtig. Es war merkwürdig die Handhaltung auf einmal an einen starren Ring anzupassen. Noch schlimmer war allerdings, dass ich keine einzige Ecke mehr reiten konnte, geschweige denn das Gefühl hatte „lenken“ zu können.

Dennoch trabte ich mutig an. Dami schlenderte zunächst so wie gehabt, doch dann nahm er immer mehr Fahrt auf und wurde zunehmend schneller. Der Kopf ging hoch, die Ohren waren gespitzt, nur die Bremse, die ließ sich partout nicht finden.

Der nächste Reitunterricht.

Ich bin zu einer Zeit geritten, in der man im Stall mit weißer Bluse und einem akkuraten, sauberen Pferd beim Unterricht zu erscheinen hatte. Auch heute hatte ich Dami penibel geputzt. Die dunklen Bandagen passten hervorragend zur Steppung der Cremefarbenen Schabracke. Nur die Trense, die lies ich weg.

Ich lief in die Reithalle, als wäre es das normalste der Welt und stieg auf. Mit nichts weiterem als meinem Halsring bewaffnet.

Fröhlich ritt ich zu meinem Dressurlehrer, der u.a. vorab Grand-Prix geritten war.

„Ariane, ich glaube du hast dich heute mit deiner Ausrüstung geirrt“, ertönte es „seit wann sind wir hier bei den Westernreitern.“ „Nein. Ich möchte lernen wie man dieses Teil hier bedient. Ich war auf diesem Lehrgang und dort ist eine Frau einfach so geritten.“

„Das kannst du im Kindergarten machen, aber nicht in meiner Dressurstunde“ entgegnete er mir.

„Ich bezahle dafür, dass ich reiten lerne. Wenn jemand ohne alles reiten kann, dann will ich das auch können!“

Stur schaute ich meinen Reitlehrer an. Ich würde nicht nachgeben, das hatte ich mir fest vorgenommen. Egal wie hitzig die Diskussion werden würde, ich will das Lernen. Stur, ja das war ich schon immer.

Ich drehte mich um und begann anzutraben. „Legen wir jetzt endlich los?“

Zweifel überkamen mich, war ich vielleicht doch zu mutig in die Unterrichtsstunde gegangen…? Ich blickte zu meiner Mutter, die ebenfalls etwas irritiert zu mir herüber schaute.

„Na gut“, ertönte es aus der Mitte „dann schauen wir mal, das wir euch zwei heute ausnahmsweise mit Halsring durch die Stunde bringen. Aber beim nächsten Mal wieder mit Trense!“

Erleichtert atmete ich auf. „Super cool, dass er sich darauf einlässt“, dachte ich und wir legten los. Die Unterrichtsstunde war ziemlich ernüchternd. Ich lernte, dass ich meinen Sitz völlig falsch eingesetzt hatte und in den nächsten Wochen sehr stark daran arbeiten musste, nach oben zu schauen und mich mehr einzudrehen.

(àFunfact: mein Trainer saß danach übrigens mehrfach mit Halsring auf dem Pferd – ich finde bis heute, eine der coolsten Wandlungen überhaupt)

Ich hatte nach der Stunde einen ziemlich qualmenden Kopf und doch wollte ich einfach mehr lernen. In Gedanken verließen wir die Reithalle, um eine abschließende Runde Schritt um die neu angelegte Galoppbahn zu gehen. Diese führte einmal um ein großes Feld herum, bestand einfach aus gemähter Wiese und war eingezäunt.

Immer noch am Halsring, benahm sich Dami wirklich vorbildlich. Ich hatte auf einmal das Gefühl, einfach mal die Chance zu nutzen und anzutraben. Was sollte uns schon nach der Reitstunde passieren, wir waren schließlich beide ziemlich fertig.

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn man sich auf einmal absolut sicher fühlt? Der Wind durch die Haare kribbelt, das Pferd unter einem einfach dahin gleitet und die ganze Welt leicht an einem vorbei zieht? Genau das erlebte ich an diesem Tag zum ersten Mal.

Noch mehr von Opa Dami findet ihr hier im nächsten Beitrag