Project Description

Versprechen

Dami bekam ich mit 15 Jahren, inmitten der Pubertät. Neben ihm im Heu auf der Erde sitzend, habe ich etliche Stunden meines Lebens verbracht. Seinen Kauschlägen, seiner Schnappatmung und weisen Ratschlägen lauschend. Er hat nicht nur meinen ersten Freund abgesegnet, sondern mich auch durch alle Auf’s und Ab’s des Lebens begleitet.

Wer schon einmal im Leben einen Trakehner besessen hat, der weiß wie anspruchsvoll dessen Charakter ist. Dami hat mich gelehrt, was es bedeutet ein Reiter zu sein. Er hat mich gelehrt für mich selbst einzustehen, mir einen großen Teil meiner Stärke gegeben und mir dabei beigebracht, gleichzeitig für die Bedürfnisse unserer Herdenfamilie aufmerksam und sensibel zu sein. Dami hat selbstlos Romo durch die Blindheit begleitet und lebensfähig gemacht. Ganz nebenbei hat Dami eine Vielzahl weiterer Menschen bewegt. Er hat Michi begleitet, die ihn unter der Haut verewigt trägt. Er hat anderen das Reiten beigebracht, für lustige Momente beim Ausreiten gesorgt und gezeigt, dass auch Dressurpferde bei einer Fuchsjagd ganz vorne mithalten können…

Wir haben Dami das Versprechen gegeben, den Weg bis zum Ende mit ihm zu gehen. Ihm einen würdigen Lebensabend zu geben, bei welchem er vollen Herzens er sein darf – akzeptiert und geliebt wird. Wir haben ihm versprochen, dass er in der Familie ankommen und heilen kann. 16 Jahre später, konnte ich das Versprechen einlösen. Er ist in Frieden von der Welt gegangen, nach einem tollen Morgen, inmitten der Herde, umgeben von Löwenzahn, Gras und Klee. Bis zum letzten Atemzug, waren wir neben ihm.

Ich blicke auf die Zeit zurück in tiefster Dankbarkeit, für all das, was ich erleben durfte.

Frieden

Ist es in Ordnung, nicht in tiefe Trauer zu verfallen und den ganzen Tag zu weinen?

Bin ich gefühlskalt oder unter Schock?

Trauer ist etwas Individuelles. Man kann es nicht pauschalisieren. Jedes unserer Tiere, jeder Abschied hat bisher etwas anderes in mir ausgelöst. Ich denke es ist fair, die Gefühle jeder Person selbst zu überlassen.

Für mich persönlich fühlt sich dieser Abschied friedlich an. Sorglos. Richtig.

Ich weine, aber ich verfalle nicht in tiefe – dunkle Trauer.

Ich möchte ihn in Ehren tragen und sehe ihn förmlich vor mir, mich anstupsen und aufmuntern – dazu auffordern das Leben und den Moment zu genießen. Rumzublödeln, bis alles wieder gut ist. Das war und bleibt sein Motto und seine Gabe.

Wenn ihr also nicht wisst, wie ihr in den nächsten Stunden, bei denen wir uns z.B. im Unterricht seht, umgehen sollt: ganz normal. Ihr dürft mich darauf ansprechen, wir können in Erinnerungen schwelgen und ich freue mich auch über jeden „Drücker“.

Anstatt unendlicher Trauer, herrscht in mir Frieden und das ist für mich gut so.

Die Herde

..ist  zugegebenermaßen meine größte Sorge und Angst. Es ist ein wenig, als würde man einem Blinden seinen Blindenhund weg nehmen ohne Vorwarnung. Ich hatte den Eindruck, dass Romo gestern recht ruhig war. Erst heute, nachdem der Abdecker da war, hat Panik eingesetzt. Er hat Dami überall gesucht, war kurzzeitig orientierungslos und lief im Kreis. Luuk hat bisher sein eigenes Ding neben den beiden anderen gemacht. Sie verstehen sich als Kumpels und dennoch hatte Luuk die „Baby“ Rolle in der Herde. Romo’s voller Fokus lag auf Dami, der ihn immer mental unterstützt und beruhigt hat.

Heute war sein Fokus trotz der Panik direkt bei mir – er ließ sich helfen, ansprechen und beruhigen. Vor wenigen Monaten wäre diese Situation anders ausgegangen. Ich bin stolz darauf, denn das zeigt mir, das wir wieder eine neue – noch tiefere Ebene – zueinander gefunden haben und ich jetzt wirklich von 100% Vertrauen reden kann. Bei Romo war es nicht leicht, sich das zu erarbeiten, teilweise habe ich gedacht, es nie zu schaffen tief genug in seine Psyche einzudringen und mir den Platz zu erkämpfen.

Ich werde jetzt die Zeit investieren, die wir in den ersten Tagen brauchen und Termine absagen. Mir ist wichtig, dass ich hier weg fahre und ihn in Sicherheit weiß. Genau in diesen Momenten wird mir doch nochmal bewusst, dass Romo eben – so gut er auch eigenständig zurechtkommt – behindert ist und auf mich/uns zählt. Wir legen neue Routinen im Tagesablauf an und werden viel mit beiden Pferden gemeinsam machen, um ihre Beziehung zueinander zu stärken. Unseren ersten Ausflug haben wir gemeistert, der aus einem reinen Bauchgefühl heraus entstand. Dazu erzähle ich euch in Ruhe mehr in den kommenden Tagen.